Mitte Januar wurden bei Rheinau (ZH) von der Zürcher Kantonspolizei zwei Fischer abgefangen, die ein Kleinkalibergewehr mit sich führten. Sie wurden bei der zuständigen Staatsanwaltschaft angeklagt, widerrechtlich Kormorane abgeschossen zu haben. Die beiden vertreten den Standpunkt, dass durch die in grosser Zahl auftretenden Kormorane die Fischbestände gefährdet seien. Eine Betrachtung aus Sicht der Fischer und Fische.
Was passiert, wenn im Wallis die Schafhirten genügend laut klagen, wenn ein Wolf ihre Schafe reisst? Die Gesetzgebung, die den Wolf in der Schweiz schützt, wird geändert, und der Wolf wird abgeschossen. Was passiert, wenn das Wolfsrudel im Calanda-Gebiet mehrere Junge aufzieht? Die Jungwölfe werden als Gefährdung eingestuft und dezimiert. Und was passiert, wenn seit den 1980er-Jahren immer mehr Kormorane in die Schweiz kommen, immer mehr Brutpaare hier bleiben, sich die Brutkolonien jedes Jahr vergrössern und der Frassdruck auf die Fische unserer Gewässer steigt und steigt? Es passiert wenig bis gar nichts, denn die «lieben hungrigen Vögeli» sind und bleiben weitestgehend geschützt.
Fische bei Rheinau im Dauerstress
An einem trüben Januartag in Rheinau oberhalb der Holzbrücke: Der Augenschein zeigt, dass ein 50er-Schwarm Kormorane, sekundiert von diversen Gänsesägerpaaren, sich in diesem Rheinabschnitt offensichtlich dauerhaft eingerichtet hat. Das Fischfressen ist eben beendet und die Vögel dümpeln mitten auf dem Rhein, ihre Gefieder trocknend – bis zum nächsten Frass. Und das täglich. Die Fische – gut zu sehen im klaren Winterwasser – stehen Schutz suchend eng zusammengedrängt im Schwarm, einige treiben verletzt oder tot obenauf. Der Fischschwarm wartet stumm ergeben auf die nächste Attacke der unbarmherzigen Schnäbel.
Nun gibt es verdiente Fischer, die sich ein Leben lang um Hege und Pflege der Gewässer und des Fischbestands bemüht haben. Sie müssen sich diese Fressorgien der Vögel täglich ansehen. Wenn niemand etwas unternimmt, die unhaltbare Situation zu verändern, kommt halt irgendwann mal der Gedanke, die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Wenn beim Fischer-Volk sich das Gefühl der Ohnmacht breit macht, wenn man das Gefühl hat, behördlicherseits werde zu wenig getan, und der Leidensdruck zu gross wird, dann kann man verstehen, dass Fischer sich für die an Leib und Leben bedrohten Fische wehren wollen – «Notwehr» eben. Ich kann die Beweggründe der beiden Fischer nachvollziehen, ohne die illegale Handlung gutheissen zu wollen.
2015 setzte der Bundesrat eine revidierte Verordnung über Wasser- und Zugvogelreservate in Kraft. Diese Verordnung schützt wichtige Überwinterungs- und Rastplätze für Zugvögel und ganzjährig in der Schweiz lebende Wasservögel. Bestehende Schutzgebiete können um insgesamt 560 Hektaren erweitert werden. Zudem werden innerhalb der Schutzgebiete rund 1000 ha mit strengeren Schutzbestimmungen versehen.
Die Nichteingriffszonen werden somit ständig zugunsten der Vögel erweitert. Dies erschwert Massnahmen zur Bestandesregulierung der Fisch-Prädatoren, und die Explosion der Bestände wird gefördert. Kaum jemand stellt sich dabei wie bei der Regenbogenforelle die Frage, ob der Kormoran überhaupt «einheimisch» sei und bei uns brüten soll.
Die Fische brauchen unsern Schutz
In der letzten Ausgabe von «Petri-Heil» berichteten wir über den qualvollen Tod tausender Aale in den Rheinkraftwerken. In Schweizer Gewässern werden aber Jahr für Jahr Hunderttausende von Forellen, Äschen und weitere Fischarten durch Kormorane und Gänsesäger bei «lebendigem Leib» gefressen oder verletzt. Und die Fischbestände sinken und sinken. Wo bleibt der Aufschrei in der Öffentlichkeit, wo bleiben Behörden, die einschreiten gegen diese Massaker? Aber wenn zwei Fischer in ihrer Verzweiflung zur «Notwehr» greifen, handelt die Polizei sofort. Ein verbesserter, breit abgestützter, legaler «Fischschutz» ist daher dringend notwendig!
Entwicklung der Kormoran-Brutpaare in der Schweiz

Der Winterbestand der Kormorane (im Frühjahr wieder wegziehende Vögel) scheint sich in den letzten Jahren etwas stabilisiert zu haben, allerdings auf viel zu hohem Niveau. Doch diese «Beruhigung» ist trügerisch. Denn der Brutbestand der Kormorane in der Schweiz stieg 2016 gegenüber 2015 erneut deutlich an: von 1534 auf 2099 Paare. In allen grösseren Kolonien nahm der Bestand zu. Erstmals seit 2012 gab es auf der Lützelau ZH im Zürichsee wieder mehrere Bruten.
Wer setzt sich für den «Fischschutz» ein?
Weder der Schweizerische Fischerei-Verband (SFV) noch das Bundesamt für Umwelt (BAFU) gab bis Redaktionsschluss dieser Ausgabe von «Petri-Heil» eine Stellungnahme zur Frage ab, was angesichts der aktuellen Kormoransituation und Bedrohungslage der Fischbestände unternommen wird. Immerhin findet man auf der Webseite des SFV die Absichtserklärung, mit einem entschiedenen Auftreten gegenüber den Vogelschützern und der Verwaltung eine Lockerung der übertriebenen Schutzvorschriften und eine nachhaltige Reduktion der schadenstiftenden Vogelpopulationen durchsetzen zu wollen. Der SFV fordert eine Regulation der explosionsartig wachsenden Kormoran-Brutkolonien, und das Entstehen neuer Kolonien soll verhindert werden (siehe Seite 55). Doch eine konkrete Durchsetzung von Massnahmen zum Schutz der Fische ist schwierig. Denn Vogelschutz und Tierschutz versuchen griffige Massnahmen zu blockieren, wo es nur geht. Wir Fischer müssen deshalb entschlossen zusammenstehen, wo es um den Schutz unserer Gewässer und den darin lebenden Fischen geht!
Erich Bolli





Martin 7. März 2017
Das erinnert mich irgendwie an die Stadttauben, welche mit ihrem Kot die ganzen Sitzbänke in den Städten vollmachen und durch den aggressiven Kot die Sandsteinmauern der alten Gebäude angreifen. Unterdessen reguliert man auch deren Bestand, auf eine etwas schonende Art und Weise. Vielleicht könnte man das auch bei den Kormoranen machen?
Dani 7. März 2017
Äschen, Forellen, oder gar Trüschen???
Diese Fischarten sind mir im Bereich des unteren Aaretal gar nicht mehr bekannt!
Allerdings die ca. 20 Kormorane, die sich Flussauf,- Flussab stetig bedienen.
Schade, dass ich mein aus Jugendzeiten erworbenes Angelwissen nicht mehr an meinen Sohn weitergeben kann.
Wenn es eh bald keine Fische mehr gibt, wozu braucht er dann mein Wissen?
Danke Erich, für den offenen und kritischen Bericht.
Petri Heil (solange es noch Fisch hat)
Matthias 8. März 2017
Leider nimmt die Bevölkerung die Vögel viel mehr war, als die Fische welche sich unter der Wasseroberfläche verbergen.
Im Rahmen des Fischrückgangs werden schweizweit zahlreiche Ursachen für den Fischrückgang in den Fliessgewässern des Mittellandes diskutiert: doch die Mehrzahl der Fischereiverwaltungen und ein Grossteil der Biologen verschliesst leider die Augen vor dem offensichtlichsten Problem: dem vermehrten Auftreten von Gänsesäger und Kormoranan in unseren Gewässern!
Es ist viel einfacher gegen Chemiecocktails und Gewässerverbauungen zu schimpfen als gegen eine „biologische“ Ursache – nur komisch, dass wir trotz den Verbauungen und der schlechteren Wasserqualität vor 20 Jahren noch viel mehr Forellen und Aeschen in unseren Gewässern hatten….
Die Hoffnung, dass sich da noch etwas bessert in nächster Zeit habe ich leider aufgegeben: dafür setzen sich auch unsere Verbände zuwenig für die Reduktion der Prädatoren ein.
Kai Perner 8. März 2017
Lasst doch mal unseren GRÜNEN
(hinterm Ohr)
eine Ausrede zur Wasserkraft. Ich geh nur mit dem Feumer hinter die Turbinen, das ist mein Sashimi schon portioniert.
Und solange alle „Bielersee Egli“ aus Russland essen, will der Wirt und der Gast nichts wissen.
8 Franken/kg (Filet) im Einkauf lassen alle leben.
Es gibt doch noch Fisch am Bielersee, egal woher.
PS: Wie ist die Übersetzung von catch & release ins Schweitzer Deutsch?
Als passionierter Stippfischer hab ich der Schweiz längst den Rücken gekehrt.
Fischt mal am Broye oder Sihlsee auf Weissfisch und erklärt euren Kindern, das man die 150 kg am Tag tot schlagen muss. Kochtopfangler ohne Rückgrad, um dann bei mir im Restaurant zu betteln, ob die zwei Hechte vom Pangsioniertenschleppfischen 20 Franken für Benzin und Apero bringen.
Treffen sich zwei Komoran hassende Angler mit Kleinkalibergewehr:
beide tot
Andi 9. März 2017
Grundsätzlich wüsste ich jetzt doch mal gerne ob Kormoran und Gänsesäger einheimische Arten sind?
Falls ja, wäre wohl eine Bestandes Regulierung ähnlich wie beim Rotwild angezeigt um die Schäden zu mildern.
Falls Nein muss mit diesen Vögeln gleich verfahren werden wie mit anderen invasiven Arten welche im letzten Jahrhundert eingeschleppt wurden.
Oder wird da mit verschiedenen Ellen gemessen?
Silberfisch 11. März 2017
Wartet ihr wirklich auf eine Antwort auf eure Fragen, werdet Ihr niemals bekommen. Unsere Weicheier von Politikern trampeln lieber auf den alte Sagen der Konkurrenz Regenbogenforelle / Bachforelle herum und vergessen dabei dass ihre eigenen Vorfahren eventuell auch nicht vor 1491 oder mindestens1870 Eidgenossen waren.
Ein Kormoranbestand von 1870 könnte doch eher verträglich sein. Wenn wir unsere Jägerfreunde in Deutschland Kormoran = Jagdbar nicht hätten, wäre unsere Situation bedeutend angespannter
Christoph Maurer 27. März 2017
Salü Silberfisch,
ich bin mir nicht sicher, ob ich Dich richtig verstanden habe. Darum zur Klärung.
1. In der CH gehört der Kormoran zum jagdbaren Wild (wird auch geschossen).
2. In D ist die Situation viel uneinheitlicher. In Baden-Württemberg kann er nur mit Ausnahmebewilligungen geschossen werden (wurde sehr zurückhaltend erteilt, Stuttgart scheint aktuell aber seine Haltung zu überdenken). Bayern erlaubt die Jagd unter Auflagen.
Mein Rat zum Thema : Setzt Euch mit den lokalen Jägern zusammen und „motiviert“ die Waidmänner!
Gruss Christoph
Günter 17. März 2017
https://www.srf.ch/content/download/5139292/69641740/version/…/Kormoran3.pdf
Die Auflistung dieser historischen
Quellen hat nicht den Anspruch,
vollständig zu sein. Sie zeigt aber
sehr eindrücklich, dass der Kormoran
in Baden-Württemberg und
angrenzenden Gebieten bis in das
19. Jahrhundert ein seltener Gast
bzw. Durchzügler war. Bestätigt wird
dies durch Knochenuntersuchungen
aus historischen Siedlungen durch
das Landesamt für Denkmalpflege
in Konstanz. Für einen Zeitraum
von 10.000 Jahren wurden bei
insgesamt untersuchten 1.500.000
Tierknochen nur 31 Kormoranknochen
gefunden (Tab. 2). Zu einem
ähnlichen Ergebnis kommen auch
Driesch & Pöllath (2010), die im
Süddeutschen Raum seit dem
Mesolithikum bis Ende des 18.
Jahrhunderts nur wenige Fundorte
von Kormoranknochen angeben.
Die Vermutung, dass der Kormoran
in Baden-Württemberg regelmäßig
anzutreffen war, ist somit nicht gerechtfertigt.