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Petri-Heil

Dein Schweizer Fischereimagazin

Zuwenig Insekten für die Fische?

Fischer, die gerne mit der Trockenfliege fischen, stellen seit Jahren eine zunehmende Steigfaulheit bei den Forellen und Äschen in den Flüssen des Schweizer Mittellands fest. Was wir längst vermuteten, wird nun durch eine neue Studie bestätigt: Es gibt bis zu 80 Prozent weniger Insekten als noch in den 1980er-Jahren! Ein Zusammenhang liegt nahe.

Ich erinnere mich noch gut: Ein Sommerabend in den 1960er-Jahren, Ferien im Zelt am Rhein bei Diessenhofen, beim Eindunkeln riesige Schwärme von Abendfliegen über dem Wasser – und die Forellen steigen und steigen, schiessen manchmal ganz aus dem Wasser, auch grosse Kaliber jenseits der 50 cm, platschen herum wie die Kinder nachmittags beim Baden. Das selbe grandiose Spektakel Abend für Abend.
Heute kann man an den Flüssen des Mittellands kaum mehr einen richtigen Abendsprung beobachten. Fischerkollegen von Sitter, Murg, Thur, Wutach, Emme, Aare, Doubs, Birs und Rhein bestätigen dies: Die Fische wollen nicht mehr steigen.  
Die fischereiliche Situation scheint sich massiv verändert zu haben.

 
Warum steigen die Fische nicht mehr?

In Fischerkreisen werden vor allem zwei Theorien diskutiert. Bei der ersten Theorie wird auf die Fischereistatistiken der Kantone verwiesen, die eine stetig abnehmende Bestandeszahl bei den Salmoniden belegen. Es gibt offensichtlich deutlich weniger Forellen und Äschen in den Mittellandflüssen als in den 1970er-Jahren und davor. Damit entfällt für die Fische der Konkurrenzdruck beim Fressen weitgehend. Die relativ wenigen Fische finden praktisch konkurrenzlos genügend Insektennahrung am Boden und stellen das für sie aufwändige Aufsteigen zur Erhaschung der Oberflächennahrung ein.
Die zweite Theorie geht von Beobachtungen aus, die darauf hinweisen, dass sich die Insektenfauna verändert hat und es an der Oberfläche gar nicht mehr so viel zu holen gibt! Das Insektenangebot ist zu dürftig geworden, möglicherweise kommen auch gewisse Insektenarten gar nicht mehr vor und das «Lieblingsmenü» der Fische ist nicht mehr vorhanden. Also lohnt sich das Aufsteigen gar nicht mehr, die Fische bleiben unten und versuchen sich dort irgendwie durchzuschlagen.
Für die Fliegenfischer an den Mittellandflüssen bedeutet das so oder so den weitgehenden Verzicht auf das einst attraktive Fischen mit der Trockenfliege. Sie greifen gezwungenermassen zur Nymphe, die zum Teil recht massiv beschwert wird, und versuchen mit der Nymphentechnik auf den Gewässergrund zu kommen, wo die Fische auf die Fliegenlarven Jagd machen.

Weniger Insekten

Mein Fischerfreund Fredy erinnert sich, dass er früher abends bei der Fahrt mit dem Auto von Eschenz nach Schaffhausen (20 km) nach zehn Kilometern nichts mehr sah und in Diessenhofen anhalten musste, um die Frontscheibe vom Fliegenteppich zu säubern. Davon heute keine Spur mehr. Viele von uns wissen von ähnlichen persönlichen Wahrnehmungen zu berichten. Vieles spricht dafür, dass die zweite Theorie richtig ist: In der Insektenwelt hat sich einiges verändert!

 
80 Prozent sind weg!

Es ist viel drastischer, als bisher angenommen. Erstmals belegt eine wissenschaftliche Untersuchung, dass die Zahl der Insekten seit 1989 um die 80 Prozent zurückgegangen ist. In den vergangenen 27 Jahren wurden an 63 verschiedenen Standorten in Deutschland mittels Insektenfallen die Zahl der Insekten ermittelt. Die Publikation liefert den wissenschaftlichen Beleg dafür, dass mit der dramatischen Abnahme der Gesamtzahl der Insekten wirklich ein grossflächiges Phänomen vorliegt, das auch auf die Schweiz übertragbar sein dürfte.
Was die Ursachen für das Insektensterben sind, vermag die Studie nicht genau zu erklären. Die Tatsache, dass nicht nur bestimmte, sondern alle Insektenarten vom Absterben betroffen sind, weist indessen darauf hin, dass Verursacher in Frage kommen, die grossflächig in die Natur eingreifen, so zum Beispiel in der Landwirtschaft eingesetzte Düngemittel und Pestizide, aber auch Abgase aus Strassenverkehr, Fabriken und Ölheizungen.
Dass eine Abnahme des Insektenvorkommens in dieser Grössenordnung Auswirkungen auf die empfindlichen Ökosysteme hat, liegt auf der Hand: «Dieser bisher noch nicht entdeckte Verlust an Insekten-Biomasse muss berücksichtigt werden, wenn man den Schwund der Vielfalt von Arten untersucht, die bei der Nahrungsquelle auf Insekten angewiesen sind», so die Verfasser der Studie. Bezogen auf unsere Forellen und Äschen legt das den Schluss nahe, dass sich durch die massive Veränderung der Ernährungsgrundlage auch notgedrungen das Fressverhalten der Salmoniden veränderte und die Fische das Aufsteigen zur Oberfläche einstellten. Möglicherweise ist im Insektenschwund auch mit ein Grund für den generellen Salmonidenrückgang in den Fliessgewässern des Schweizer Mittellands zu sehen.

Erich Bolli

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6 Kommentare

  1. Erwin Haas 4. Dezember 2017

    Ich bin seit vielen Jahren LkW Chauffeur und Fischer. Mir ist auch aufgefallen, dass ich im Gegensatz zu den Anfängen der 90 er Jahren heutzutage, im Sommer, am Abend gar nicht mehr die Scheiben am LkW von Fliegen und Mücken befreien muss. Die Frontscheibe ist am Abend noch gleich sauber wie am Morgen, ebenfalls die Front und der Kühlergrill des LkWs.

  2. Rolandus 4. Dezember 2017

    Gibt es nun noch einen einzigen Grund, weshalb man nicht sofort sämtliche Pestizide in der Landwirtschaft verbieten sollte?

  3. Daniel Richard 4. Dezember 2017

    Lieber Erich
    Wohl wahr, die Fische werden weniger.
    Man könnte aber auch sagen, dass die Fische sich einfach nur dem Menschen anpassen.
    Vielleicht sollten wir Menschen mal unser „Fressverhalten“ ändern und nicht immer darauf bestehen das schönste und farbigste Obst und Gemüse haben zu wollen.
    Unsere Bauern, mit gerade mal 4,3 % der gesamt-schweizerischen Bevölkerung, müssen doch dem Absatzdruck standhalten können und dazu braucht es erstklassige Ware.
    Erstklassige Ware = Düngemittel, Pestizide und und und
    Salatgurken die nicht akkurat gerade sind, oder Äpfel die nicht kugelrund sind, sind doch heutzutage Abfallprodukte.
    Ich selber bin seit über 30 Jahren leidenschaftlicher Angler und finde solche Meldungen über den Insektenrückgang natürlich erschreckend.
    Doch ein Umdenken muss in allen Köpfen passieren und es sollte nicht eine Minderheit, wie die Bauern, für unser Fehlverhalten den Kopf her halten müssen.
    Ein freundlicher Anglergruss von Dani

  4. Heribert Hahne 5. Dezember 2017

    Ja, das habe ich schon lange vermutet und es ist logisch. Der allgemeine Rückzug der Fluginsekten an unseren Bächen und vor allem an den Wiesenbächen, hat zur Folge, dass sich unsere Flussfische dem Nahrungsangebot unter Wasser mehr und mehr zuwenden. Aber auch das wird eines Tages zu gering sein um sie zu ernähren. Die Natur reagiert sehr empfindlich auf ein gewisses Ungleichgewicht. Sie kann sich aber auch anpassen bzw. umstellen. Die Zukunft wird zeigen, ob sie es schafft – und auf welche Art und Weise. Müssen wir demnächst unsere Gewässer mit Insekten „besetzen“?

  5. Flavio 10. Dezember 2017

    Auf welcher wissenschaftlichen Untersuchung basiert dieser Beitrag? Woher kommt die Zahl 80 Prozent?
    Im Oktober 2017 ging dieses Thema bereits durch mehreren Deutschen Medien, welche sich auf eine Studie stützen, die auf Daten von 63 Insektenfallen zurückgreift, die der Krefelder Verein zwischen 1989 bis 2016 aufgestellt hatte. http://80.153.81.79/~publ/mitt-evk-2013-1.PDF
    Heftige Kritik an deutschen Medienberichten über eine Studie zum „Insektensterben“ übt der Statistik-Professor Walter Krämer von der TU Dortmund. Er hat gemeinsam mit Kollegen die Studie wegen methodischer Mängel zur „Unstatistik des Monats Oktober“ gekürt. http://www.rwi-essen.de/unstatistik/72/
    „Wichtig für die Bewertung dieser 76% ist ein allgemeines Prinzip des kritischen Denkens: Jede berichtete Abnahme zwischen zwei Zeitpunkten hängt davon ab, welchen Anfangszeitpunkt man wählt. Hätte man das Jahr 1991 statt 1989 als Anfangspunkt gewählt, dann wären es statt 76% weniger Insekten nur etwa 30% weniger gewesen. Das ist immer noch ein Anlass zum Nachdenken über die Ursachen, worauf die Studie übrigens keine Antwort findet. Es ist aber auch ein Anlass darüber nachzudenken, warum man immer wieder versucht, mit möglichst erschreckenden Zahlen Panik zu machen“, kritisiert Krämer.

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