Wer regelmässig die Rubrik «Kapitale Fänge» anschaut, kommt um den Namen Petar Jončić nicht herum – immer mal wieder ist dieser Mann mit stattlichen Karpfen, schönen Schleien oder kapitalen Alet vertreten. Grund genug für mich, ihn beim Fischen zu begleiten.
In den letzten zehn Jahren war wohl niemand so regelmässig in der «Petri-Heil»-Rubrik «Kapitale Fänge» vertreten wie Petar Jončić. Er hielt bis Ende 2012 den Schweizer Allzeit-Rekord beim Alet, von 2003 bis 2006 den Schweizer Allzeit-Rekord beim Karpfen, war 2015 Jahresrekordhalter bei der Schleie und ist seit 1992 amtierender Allzeit-Rekordhalter beim Rotauge (44 cm, 2,6 Pfund).
Die Frage brennt uns wohl allen auf den Lippen: Wie macht dieser Mann das? Was macht Petar anders als alle anderen?
Alles ist bereit
Es ist kalt und feucht, als ich Petar Jončić, Jahrgang 1947 und seit fast zehn Jahren Pensionär, in Sisseln am Rhein treffe. «Willkommen!», begrüsst er mich. «Die Rute ist schon bereit fürs Auswerfen, ich hoffe, dass wir damit heute einen schönen Karpfen fangen!»
Ich bin ein wenig perplex wegen Petars astreinen «Schwyzerdütsch», das ich bei seinem osteuropäisch tönenden Namen nicht unbedingt erwartet hätte. «Ich bin in der Schweiz geboren und aufgewachsen. Mein serbischer Vater flüchtete 1944 aus italienischer Kriegsgefangenschaft hierher, meine Mutter ist Schweizerin», erklärt mir Petar seine Familiengeschichte in groben Zügen. «Ich kann nur einige Brocken der Sprache meines Vaters. Ist schon seltsam bei so einem Namen, oder?», sagt er und lächelt.
Mais, wirklich nichts als Mais?
Das «Werkzeug» eines Meisters ist immer besonders interessant, so auch die Montage von Petar. Aber da ist nichts, was wir nicht bereits von «normalen» Montagen kennen würden: Fünf gekochte Maiskörner, aufgezogen auf ein Haar, das Ganze versehen mit einem ummantelten 120-Gramm-Blei. Eine 0,50er-Monofile als Hauptschnur (0,35er-Hauptschnur wäre zu wenig abriebfest bei den vielen schroffen Steinen und versunkenen Ästen am Grund, meint Petar). Und am andern Ende des Köders eine «Greys»-Karpfenrute mit einer Shimano Big Baitrunner Rolle.
Also keine Boilies oder andere spezielle Karpfenköder, die mit geheimen Ingredienzien versehen oder parfümiert wurden und für Karpfen absolut unwiderstehlich sind? Oder hat Petar vielleicht irgend etwas Spezielles mit dem Mais angestellt? «Nein, da muss ich dich leider enttäuschen. Das ist ganz gewöhnlicher, gekochter Futtermais.» Ich bin fast ein wenig schockiert.
Ob er es denn nie mit Boilies probiert habe, will ich wissen «Klar doch! Ich gehörte zu den ersten Fischern, die hier in der Schweiz mit den Karpfenkugeln gefischt haben, nachdem ich es in englischen Karpfenmagazinen gesehen hatte. Und zog damals damit den Spott und Hohn der anderen Fischer auf mich.»
Heute fische er in Fliessgewässern nur noch mit Mais, da bei Boilies zu viele Barben und Alet den Köder nähmen. In Seen und Weihern jedoch fische er gerne mit den Karpfenkugeln, oder mit Pellets.
Raus damit!
Nun aber gehts los: Petar nimmt die vorbereitete Rute und lässt den Köder nach zwei, drei Pendelbewegungen schätzungsweise sechs Meter von uns entfernt mit einem lauten «Plumps» ins Wasser klatschen. «Gleich nach einem kleinen Stück, wo es relativ seicht ist, fällt der Grund tief ab. Dort, an dieser Kante, fischen wir», begründet Petar. Nun noch die Schnur gestrafft, den Bissanzeiger eingehängt, und das wars dann auch schon mit der Action. «So, die Falle ist ausgelegt. Nun hoffen wir auf einen schönen Fisch!»
«Game of Thrones» am Wasser
Und jetzt? Was macht man als Karpfenfischer, wenn die Köder platziert sind? «Wenn wir, wie jetzt, zu zweit sind, hat man alle Zeit der Welt, über Gott und die Welt zu reden und zu diskutieren.» Dies geniesse er jeweils in vollen Zügen, denn es sei immer interessant, sich mit anderen Menschen zu unterhalten, findet er. «Wenn ich aber alleine bin, geniesse ich einfach die Natur und lese viel.» Letztes Jahr habe er am Wasser alle zehn Bücher der Fantasy-Reihe «Game of Thrones» gelesen, insgesamt mehr als 6000 Seiten.
Während wir miteinander reden, beginnt Petar das Abendessen vorzubereiten. Es gibt Züri-Gschnätzlets mit gebratenen Nüdeli. Von Petar zu Hause vorbereitet und jetzt auf dem Campingkocher aufgewärmt. Einfach herrlich! «Ich esse nur notfalls Konserven – viel lieber bereite ich alles schon zu Hause vor und wärme es hier dann auf», erklärt er.
Zusammen mit einem «Tröpfchen» Primitivo geniessen wir den Znacht im Licht unserer Stirnlampen. Es beginnt wieder zu regnen.
«Falls in der Nacht ein Fisch beisst, komme ich rüber und wecke dich auf!», verspricht mir Petar. «Wenn du das schaffst, gerne!» witzle ich, dann gehts schnurstracks ab in die Horizontale. Wie herrlich ist doch das Einschlafen mit dem Rauschen des Rheins und dem Trommeln der Regentropfen in den Ohren!
Endlich: Biss!
Ich wache bibbernd auf, mein Schlafsack ist völlig durchnässt. Der Karpfenschirm war offensichtlich nicht so dicht, wie ich es mir gewünscht hätte. Aber was macht man nicht alles für eine gute Fischer-Story?
Kaum habe ich bei Temperaturen nur wenig über dem Gefrierpunkt die Kleider gewechselt, beginnts ein paar Meter neben mir unter Petars Karpfenschirm zu piepsen.
Juhuuu! Biss!
Völlig ruhig kriecht Petar gut gelaunt unter seinem ovalen Schirm hervor und nimmt die Rute aus dem Halter. «Es ist ein Karpfen. Ein schöner Fisch, aber kein Riese», sagt er bestimmt, während er die Fluchten gekonnt abfedert. Man merkt schnell: Hier ist ein Routinier am Werk. Nach kurzer Zeit können wir einen bildschönen, dunkelgold gefärbten 81er-Schuppenkarpfen mit einem Gewicht von 22 Pfund feumern.
Schöne Fische – viele Stunden
Bestens gelaunt ob solch einem erfreulichen Tagesbeginn gönnen wir uns wenig später einen frisch aufgebrühten Kaffee. Dazu reicht mir Petar einen Stapel Fotos mit früheren Fängen. «Karpfen unter zehn Kilo Gewicht fotografiere ich eigentlich gar nicht», erzählt er mir. «Nur die etwas schwereren. Und natürlich ganz besonders schöne Exemplare.» Und da hat es, muss ich neidlos zugeben, einige drunter.
Auch zeigt er mir Bilder von seinen Ferien. Viele Jahre hat er die freien Tage von seiner Büro-Arbeit bei Banken und Versicherungen in Spanien am Ebro verbracht und dort etliche Welse über zwei Meter gefangen. Der grösste Siluro war 2,34 m lang. Mit der Bojenmethode auf Welse zu fischen sei wie Karpfenfischen: Man stellt die Falle und dann fange das grosse Warten an.
Ein Meister seines Fachs
Bevor ich gehe, will ich von Petar doch noch wissen, wie er es denn nun anstellt, so viele und grosse Fische zu fangen. An seinen Ködern liegt es ja ganz offensichtlich nicht. Mit einem Lächeln klärt er mich auf: «Ich bin normalerweise von Anfang März bis Ende November pro Woche 48 Stunden am Stück am Wasser und fische. Da muss man doch mal was fangen!»
Klar, wer so viel fischt, hat auch grössere Chancen, zu fangen. Und dennoch: Seine Erfolge (er hat im Jahr 2016 in den Aargauer Flüssen 38 Karpfen mit einem Gesamtgewicht von 503 Pfund gefangen) auf die ordentliche Anzahl Stunden am Wasser zu reduzieren, wäre zu einfach – Petar Jončić ist ein Meister seiner Fischerei.
Dominique Lambert







