In der Gunst vieler Fischer steht der Atlantische Lachs ganz weit oben und auch die Forschung beschäftigt sich schon lange und intensiv mit ihm. Nachfolgend präsentieren wir einige interessante Wissenshäppchen über den Fisch des Jahres 2015.
Nomaden im Wasser
Faszinierend ist die Präzision, mit der die Lachse nach Jahren auf hoher See den Weg zurück in ihr Geburtsgewässer finden. Sie schaffen das durch die geniale Kombination verschiedener Sinneswahrnehmungen.
Heute weiss man, dass Lachse sich an den Sternen orientieren, lokale Unterschiede des Erdmagnetfelds wahrnehmen und Meeresströmungen «lesen». In Küstennähe verlassen sich die Lachse auf ihren fantastisch feinen Geruchssinn. Sie nehmen damit die charakteristischen Duftstoffe ihrer ehemaligen Kinderstube schon in kleinsten Konzentrationen wahr und können ihre Spur verfolgen. Doch noch geben die beeindruckenden Leistungen der Lachse der Wissenschaft viele Rätsel auf.
Hochspringer
Erstaunlich ist auch die Sprungkraft der Lachse. Sie brauchen sie, um Wanderhindernisse wie Stromschnellen und kleine Wasserfälle zu überwinden. Niveauunterschiede von zwei bis drei Meter sind für ausgewachsene Lachse kein Problem. Das höchste wissenschaftlich dokumentierte Hindernis, das Lachse regelmässig überqueren, sind die bis zu 370 Zentimeter hohen Orrin Falls am River Orrin in Schottland.
Wachstumsrakete
Je nach Nahrungsangebot und Breitengrad dauert es bis zu acht Jahre, ehe die jungen Lachse mit knapp 20 Zentimetern und weniger als 100 Gramm Körpergewicht im Frühling als Smolts ins Meer wandern. Im Meer wachsen die Lachse dann dank üppigem Futterangebot beeindruckend schnell. Bereits nach dem ersten Winter im Salzwasser haben sie auf ein Gewicht von zwei bis drei Kilogramm zugelegt. Nach dem dritten Jahr im Meer erreichen die Lachse bereits zehn Kilogramm und mehr.
Noch extremer wachsen die Lachse in der Aquakultur: In den engen Netzkäfigen und dank hochentwickeltem, fettreichem Hightech-Lachsfutter werden Zuchtlachse innerhalb eines Jahrs auf 80 Zentimeter und sechs Kilogramm Gewicht hochgemästet.

Lachse, die von Anglern gefangen werden generieren der Wirtschaft viel mehr Wertschöpfung als solche, die mit Netzen gefangen werden. – Foto: E. Hartwich
Schwergewicht
Der Lachs kann respektable Grössen erreichen. Aus der Berufsfischerei sind Exemplare von über 50 Kilogramm bekannt. Selbst solche Riesen sind selten älter als zehn bis zwölf Jahre. In der Regel ist überdurchschnittliche Grösse bei Lachsen eine Anpassung an weite Wanderstrecken, grosse, stark strömende Flüsse und zahleiche Hindernisse.
Bonsai-Lachse
In etlichen Lachsflüssen mischen auch kleine Lachsmännchen mit kaum 15 cm bei der Fortpflanzung mit. Bei diesen Zwergen handelt es sich um frühreife Lachse, welche nie die gefährliche Reise ins Meer gewagt haben und dies mit ihrer Kleinwüchsigkeit bezahlen. Obschon diese Zwerglachse mit den grossen, imposanten Lachsen niemals konkurrieren könnten, gelingt es ihnen oft, einen beträchtlichen Anteil der Eier zu befruchten. Dies gelingt jedoch nur, wenn sie sich unbemerkt in den Fortpflanzungsakt einschleichen können. Werden sie allerdings von den dominanten Lachsmännchen entdeckt, bezahlen sie dies oft mit schweren Verletzungen oder dem Leben.
Begehrte Restposten
In einigen riesigen Seen in Schweden, Finnland, Russland und Nordamerika sind Lachse im Süsswasser «stecken geblieben», weil die ursprünglichen Zugänge zum Meer im Lauf der Geschichte verschwunden sind. Diese Fische steigen ebenfalls in Bäche und Flüsse auf, um zu laichen und ziehen in die Weite des Sees um zu jagen und zu wachsen – in ihrem Lebenszyklus fehlt einzig der Wechsel ins Salzwasser. Da das Nahrungsangebot eines Sees in der Regel nicht mit jenem im Ozean mithalten kann, bleiben Binnen- oder Süsswasserlachse (engl. landlocked salmon) deutlich kleiner und erreichen selten mehr als 60 Zentimeter Länge. Ausnahme sind die Lachse in riesigen, nahrungsreichen Seen, wie dem Vänernsee in Schweden, wo Fische bis zu 20 Kilogramm Gewicht gefangen werden.
Massenware Zuchtlachs
Es scheint paradox, aber es ist eine Tatsache: Seit Menschengedenken gab es noch nie so viele Lachse auf unserem Planeten wie heute! Allerdings lebt der weitaus grösste Teil als Zuchtfisch in riesigen Farmen. Mehr als 99,5 Prozent der heute konsumierten atlantischen Lachse stammen aus der Aquakultur. 2012 wurden weltweit erstmals mehr als zwei Millionen Tonnen oder rund eine halbe Milliarde Lachse geerntet.
Die grössten Produzenten sind Norwegen, Chile und Kanada, wobei die Fäden der Aquakultur meist bei einem weltumspannenden norwegischen Konzern zusammenlaufen. Lachszucht ist zu einem Milliardengeschäft geworden, wo Gewinn und Profit leider meist ohne Rücksicht auf die Natur erwirtschaftet werden.
Raubbau für einen Raubfisch
Da der Lachs ein Raubfisch ist, verbrauchen die Zuchtbetriebe gewaltige Mengen von Futterfischen in der Grössenordnung von acht Millionen Tonnen. Diese Kleinfische fehlen Meeressäugern, Seevögeln und Wildfischen – darunter auch Wildlachse – als Nahrungsgrundlage. Ein weiteres Problem der Lachszucht ist, dass bei dieser Form der Massentierhaltung riesige Mengen an Krankheitserregern, Parasiten (Lachslaus) und Abfällen direkt ins Meer gelangen und dort eine akute Bedrohung und der Grund für den Rückgang zahlreicher Wildlachsbestände sind. Zudem entweichen aus den Lachszuchten jährlich riesige Mengen an Zuchtlachsen in die Gewässer und kreuzen sich dort mit den Wildlachsbeständen. Durch den Einzug der Gentechnologie wird dieses Problem noch weiter verschärft.
Lachs ist nicht gleich Lachs
Ursprünglich hatte jeder Lachsfluss seinen typischen, genetisch einzigartigen Lachsbestand. Die Lachse passten sich an die Besonderheiten ihres Heimatflusses an (gross, klein, schlank, dick, Laichzeit, Wanderdistanzen, Timing der Rückkehr usw.) und vererbten diese Fähigkeiten über Generationen weiter. Mit jedem Lachsbestand, der erlischt, gehen deshalb wichtige Gene unwiederbringlich verloren.
Eine neue und besorgniserregende Entwicklung ist die rasante Ausbreitung der Lachszuchtbetriebe. In vielen norwegischen Lachsflüssen machen entflohene Zuchtlachse bereits über die Hälfte der zurückkehrenden Lachse aus. Diese Fische kreuzen sind mit den Wildlachsen und die ehemals flusstypischen – genetisch einzigartigen – Wildlachse verschwinden für immer. Der eigentliche Wildlachs ist deshalb heute in vielen Gewässersystemen kaum mehr nachweisbar.

Atlantische Lachse können
bis 50 Kilogramm schwer werden. Im Gegensatz zu ihren Pazifischen Brüdern sterben sie nicht grundsätzlich nach dem Laichgeschäft. – Foto: Michel Roggo
Wertschätzung
Ein mit der Rute gefangener Lachs ist etwa 200 bis 600 mal wertvoller als ein vom Berufsfischer gefangener Fisch. Das ergeben die Berechnungen von Fischerei- und Tourismusbehörden in Fischereinationen wie Norwegen, Irland oder Kanada. Angler geben für den Fang einiger Lachse oft tausende von Franken aus – vom Flug, über die Unterkunft bis hin zu Ausrüstung, Lizenz und oft auch einem lokalen Angelführer.
Dabei ist die Angelfischerei im Fluss gut kontrollierbar, weshalb dies keine Bedrohung für die Wildlachsbestände darstellt. Im Gegenteil: Durch die hohe Wertschöpfung der Lachsfischer, welche im Übrigen zunehmend die für den Bestand wichtigen Fische zurücksetzen, werden die Bestände aktiv geschützt. Grosse Wasserkraftwerke wurden durch den engagierten Kampf der Lachsfischer erfolgreich verhindert und Flussläufe vor der Zerstörung bewahrt.
Schweizerischer Fischerei-Verband, SFV
